Mit großer Freude kündigt die White Square Gallery die nächste Einzelausstellung der exzellenten Berliner Malerin Friederike Jokisch an. Die frankophile Künstlerin gab dieser Ausstellung einen poetischen wenn auch sehr präzisen Titel „Lumière fragmenté“, der sich als „Lichtbrechungen“ oder „Teile des Lichtes“ übersetzen lässt. Mit diesem Namen führt uns Friederike in die Welt ihrer Gedanken- und Arbeitswege. Zugleich würdigt sie damit die wichtigste Quelle der Malerei: das Licht, dessen Vielfalt sie bewundert und in ihre Kunst integriert.
Wir kennen Friederike Jokisch als eine begnadete Landschaftskünstlerin. Die Landschaftsübersetzerin wäre hier vielleicht das bessere Wort. Denn die Künstlerin nimmt ihre Umwelt in erster Linie durch die Natur wahr. Und der Natur nähert sie sich mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln der Malerei. Nie geht es ihr um die direkte Wiedergabe der äußeren Merkmale der Natur, vielmehr aber um die Darstellung der komplexen Wechselwirkungen innerhalb der Natur, zwischen Natur und Menschen.
Und das Ziel der Maler, die sich mit Natur, bzw. Landschaft beschäftigen, kann nur die eine sein: Die Tiefe wiederzugeben, die hinter jeder Oberfläche der dargestellten Landschaft liegt. Es gilt also, um mit Ludwig Wittgenstein zu sprechen, die Tiefe an der Oberfläche sichtbar, ja erlebbar zu machen. Ein weites Feld… Offensichtlich geht es hier nicht nur um die optische Täuschung. Vielmehr wird hiermit die Tiefe der Gefühle, ja des Geistes angesprochen. Die Natur, die Landschaft, ist der beste Stoff, dem die Kunst sich widmen kann, um diese Tiefen zu erforschen.
Friederike Jokisch ist eine Künstlerin, die auf Emotionen setzt. Und sie ist eine Virtuosin darin, unsere Sinne zu wecken, und die Gefühle direkt zu erobern. Sie lockt uns mit der virtuosen Farbigkeit ihrer Leinwände. Zugleich fesselt sie uns aber sofort mit ihren Sujets. Ihre Arbeiten sind überwiegend figurativ, und sie erlaubt uns, darin Geschichten zu erahnen. Das ist aber nur ein Aspekt. Oder eher vielleicht ein Anfang. Damit gibt sie dem Betrachter die Möglichkeit, sich langsam zu adaptieren, sich einzuleben - in ihren poetischen, anmutigen Welten, die sie durch ihren meisterhaften Umgang mit Farbe erschafft.
Das Licht ist hier das magische Mittel mit dem die Künstlerin ihre Farbe zum Leben erweckt, von außen wie von innen. Sie komponiert ihre Gemälde, inspiriert von Gesetzen der Lichtbrechungen. Sie Beginnt mit einem Fragment, das sie weiter und weiter farblich und formell entwickelt und so lange vervollständigt, bis sie von innerer Lebendigkeit strahlen und von äußerem Licht zum Leuchten aller Farben gebracht werden.
Deshalb vermitteln diese Werke - bei aller inneren Harmonie - jedoch nie eine vollkommene Stille. Es ist immer Bewegung drin: wir spüren den Wind, hören das Rascheln der Äste, das Plantschen vom Wasser.
Die Künstlerin abstrahiert die Formen, und verleiht denen dadurch einen anderen Sinn, eine andere Bedeutung. Die Arbeiten der Ausstellung - die uns öfter in die anderen Sphären wie Himmel oder Wasser locken - wirken oft wie Visionen einer anderen Realität, die uns vertraut und fremd zugleich ist. In jedem Werk treffen sich die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aufeinander. Als ob wir uns selbst in verschiedenen Versionen unseres ich begegnen.
Schnell kommen wir zur Erkenntnis, dass die Welten, die wir sehen, nicht nur wunderschön und harmonisch, sondern auch turbulenten und erschütternden sind.
Die Künstlerin zeigt also die Naturausschnitte, die keine starre Wiedergaben der Natur sind. Vielmehr sind es lichterfüllte, schwebende, dynamische Abbildungen unserer Umwelt, sie als Mischung aus Realität, Fantasie und Kreativität auf ihren Leinwänden entfaltet. Dabei deckt sie die Zusammenhänge auf, die nie mit bloßen Augen oder einer Kamera eingefangen werden könnten.
Friederike Jokisch zeigt uns die Natur in vielen Einzelheiten oder Variationen, ohne den Blick von dem großen Ganzen abzuwenden. Die Schönheit der Natur wird hier durch die künstlerische Virtuosität und Feingefühl wiedergegeben.
In dieser Ausstellung sorgt die Künstlerin dafür, dass unser Appetit auf Raffinesse nicht schnell gestillt wird und wir bleiben weiterhin vor den Werken stehen, in denen sich Sinnesfreuden mit den Freuden des Geistes mischen, was seit jeher Ziel und Zweck der Kunst und Malerei ist.